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Sexuelle Belästigung und Compliance-Management: Eine verhängnisvolle Affäre

 

Von unserer Gastautorin und Unternehmensethikern Dr. Bettina Palazzo

 

Vor #metoo dachten viele Frauen beim Thema sexuelle Belästigung an die ein oder andere schlimme Geschichte, die ihnen in der Vergangenheit selber schon passiert war: schockierend, verwirrend, unangenehm, etwas, dass man am besten schnell wieder vergessen und abhaken möchte. Unternehmen dachten bei dem Thema oftmals auch an den einen Fall, der vorgekommen war: Ärgerlich, kompliziert, schwierig damit umzugehen, am liebsten würde man es gar nicht wissen wollen.

Nach #metoo mussten Unternehmen und Frauen erkennen, dass sexuelle Belästigung  meist kein Ausnahmefall ist. Sie passiert ständig, jedem und sie ist systematisch, besonders in männlich dominierten Kulturen, in denen ein übertriebener Konkurrenzkampf herrscht und wo schlechtes und respektloses Benehmen (vor allem von "Leistungsträgern") toleriert wird. Kurz gesagt, in Unternehmenskulturen, die von Angst geprägt sind und in denen ethische Probleme gerne unter den Teppich des organisatorischen Schweigens gekehrt werden. Genau jene Art von Unternehmenskultur, die ein gutes Compliance Management um jeden Preis vermeiden will!

Lassen Sie mich das genauer erklären:

Wenn Unternehmen eine starke Integritätskultur schaffen wollen, in der das Eintreten für ethische Herausforderungen sicher ist und sich lohnt, muss man für organisatorische Gerechtigkeit sorgen.

Nur wenn ich den Eindruck habe, dass mein Unternehmen fair mit seinen Mitarbeitenden umgeht, habe ich die psychologische Sicherheit, mich angstfrei zu sensiblen Themen zu äußern. Sexuelle Belästigung ist ein extrem unfaires Verhalten, das Frauen klein hält und ihnen ein Arbeitsumfeld vorenthält, in dem sie gleichberechtigt behandelt werden.

Ein Unternehmen, das sexuelle Belästigung toleriert oder nicht entschieden dagegen vorgeht, gefährdet diese Wahrnehmung von Fairness und Gerechtigkeit und drängt damit generell ethische Fragen in den Untergrund.

Wenn ein Unternehmen sich nicht konsequent darum kümmert, seine Mitarbeitenden vor Belästigungen zu schützen, verlieren alle anderen Massnahmen und Aussagen zu Ethik und Compliance massiv an Glaubwürdigkeit.

In meinen nächsten Beiträgen an dieser Stelle erfahren Sie mehr über die Herausforderungen und Best Practices beim Aufbau eines ganzheitlichen Präventionskonzepts für sexuelle Belästigung innerhalb Ihres Ethik- und Compliance-Managements.

Über die Autorin 

Dr. Bettina Palazzo ist der Überzeugung, dass unethische Unternehmen unglücklich machen. Deshalb setzt sie sich seit über 25 Jahren mit unermüdlicher Begeisterung dafür ein, Unternehmensethik zu einem Thema zu machen, bei dem alle dabei sein wollen. Sie unterstützt Unternehmen und Non-Profit Organisationen dabei, die ethische Kompetenz ihrer Führungskräfte zu fördern. Ihre besondere Leidenschaft gilt dabei der Schaffung von Führungskulturen, in denen das offene Ansprechen ethischer Themen sich lohnt und ernst genommen wird (speak-up). Sie ist stolz darauf, bereits Ende der 90er Jahre bei KPMG Deutschland die Unternehmensethikberatung mit aufgebaut zu haben. Außerdem will sie dazu beitragen, die nächste Generation von Managern auf die Herausforderungen verantwortlicher Leadership vorzubereiten und unterrichtet deshalb an der Universität Genf. Bettina ist mit dem Unternehmensethiker Guido Palazzo verheiratet und hat zwei fast erwachsene Söhne.

 

Haben Sie Fragen, die Ihnen in Ihrem Arbeitsleben schon öfter begegnet sind und die Sie Dr. Palazzo stellen möchten? Gerne berücksichtigen wir diese dann für die kommenden Ausgaben. Lassen Sie uns Ihre Fragen gerne per E-Mail an die Redaktion zukommen.