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Unternehmensethikerin Dr. Bettina Palazzo über die Prävention von sexueller Belästigung im Compliance Management

 

Von Gastautorin Dr. Bettina Palazzo

 

Sexuelle Belästigung ist ein weit verbreitetes und hartnäckiges Problem am Arbeitsplatz. Sie ist tief in den Machtstrukturen von Organisationen verwurzelt. Dennoch bleiben organisatorische Interventionen oft punktuell und unkoordiniert und werden auf Einzelfallebene behandelt. Dieser Ansatz ist nicht effektiv, denn wenn ein Problem systemisch ist, müssen wir es auf systemische Weise lösen. Wenn man etwas bewirken will, braucht man, wie bei jedem guten Ethik- und Compliance Management, ein Managementsystem.

Überraschenderweise sind die Dinge, die Sie benötigen, um ein wirksames Präventionsprogramm für sexuelle Belästigung zu entwerfen, bemerkenswert ähnlich und in hohem Maße kompatibel mit den Komponenten guter E&C-Programme.

Ein Konzept für einen solchen dreistufigen Präventionsrahmen stammt von einer der renommiertesten Forscherinnen zu Diskriminierung am Arbeitsplatz, Prof. Paula McDonald:

1.         Primäre Präventionsstrategien zielen auf die Vermeidung von sexueller Belästigung ab: Ursachen beseitigen, Risikofaktoren verhindern, Schutzfaktoren verstärken. Die wichtigsten Instrumente zur Umsetzung dieser Präventionsstrategien sind Verhaltensregeln und Training. Die entscheidende Grundlage aller primären Präventionsstrategien ist die Schaffung einer informellen Speak-up Kultur, die es ermöglicht, unangemessenes und respektloses Verhalten frühzeitig anzusprechen.

2.         Direkte Interventionsprozesse betreffen in der Regel Hinweisgebersysteme. Die Schaffung von Meldestrukturen für sexuelle Belästigung, die Männer und Frauen in einer Organisation für vertrauenswürdig halten, ist eine besondere Herausforderung. Frauen, die sexuelle Belästigung melden, erleben oft feindselige Reaktionen und einen Mangel an Vertraulichkeit und Objektivität.  Sie haben Angst ihrer Karriere zu schaden, und dass ihre Meldung keine Konsequenzen für den Belästiger hat. Darüber hinaus ist die Beweislage aufgrund der typischen "Sie-sagt-er-sagt-Situation" oft unklar. Folglich müssen Unternehmen ihre Berichtssysteme an diese besonderen Herausforderungen anpassen.

3.         Langfristige Interventionen: Das letzte Element dieses umfassenden Konzepts fehlt oft in anderen Ansätzen, die nach der Lösung eines Falles enden. Bei diesem opferzentrierten Ansatz ist es entscheidend, die Auswirkungen für das Opfer zu minimieren, z. B. durch die Wiederherstellung von Gesundheit und Sicherheit und das Verhindern weiterer Belästigungen und Vergeltungsmaßnahmen (z. B. durch schlechtere Leistungsbewertungen und Beförderungsraten). Das Verhindern von Vergeltungsmaßnahmen erfordert ein langfristiges und proaktives Follow-up sowohl des «Opfers» als auch des «Täters». Und schließlich ist das ständige Monitoring der Risikofaktoren Teil dieser langfristigen Interventionen, die das gesamte Präventionssystem zu einem allgemeinen Prozess der Organisationsentwicklung machen sollte.

Wie alle Best-Practice E&C-Programme, zielt dieses Konzept auf eine nachhaltige, proaktive und langfristige Prävention ab, die zur Schaffung einer kooperativen Arbeitskultur und organisatorischer Gerechtigkeit beiträgt. Da sexuelle Belästigung ein so komplexes und sensibles Thema ist, betrachte ich es als einen Eckpfeiler des Ethik-Managements: Wenn Sie das gut managen, dann ist alles andere leichter!

Über die Autorin 

Dr. Bettina Palazzo ist der Überzeugung, dass unethische Unternehmen unglücklich machen. Deshalb setzt sie sich seit über 25 Jahren mit unermüdlicher Begeisterung dafür ein, Unternehmensethik zu einem Thema zu machen, bei dem alle dabei sein wollen. Sie unterstützt Unternehmen und Non-Profit Organisationen dabei, die ethische Kompetenz ihrer Führungskräfte zu fördern. Ihre besondere Leidenschaft gilt dabei der Schaffung von Führungskulturen, in denen das offene Ansprechen ethischer Themen sich lohnt und ernst genommen wird (speak-up). Sie ist stolz darauf, bereits Ende der 90er Jahre bei KPMG Deutschland die Unternehmensethikberatung mit aufgebaut zu haben. Außerdem will sie dazu beitragen, die nächste Generation von Managern auf die Herausforderungen verantwortlicher Leadership vorzubereiten und unterrichtet deshalb an der Universität Genf. Bettina ist mit dem Unternehmensethiker Guido Palazzo verheiratet und hat zwei fast erwachsene Söhne.

 

Haben Sie Fragen, die Ihnen in Ihrem Arbeitsleben schon öfter begegnet sind und die Sie Dr. Palazzo stellen möchten? Gerne berücksichtigen wir diese dann für die kommenden Ausgaben. Lassen Sie uns Ihre Fragen gerne per E-Mail an die Redaktion zukommen.