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Sexuelle Belästigung und Compliance-Management

6 Minuten
 

Eine verhängnisvolle Affäre

 

Vor #metoo dachten viele Frauen beim Thema sexuelle Belästigung an die ein oder andere schlimme Geschichte, die ihnen in der Vergangenheit selber schon passiert war: schockierend, verwirrend, unangenehm, etwas, dass man am besten schnell wieder vergessen und abhaken möchte. Unternehmen dachten bei dem Thema oftmals auch an den einen Fall, der vorgekommen war: Ärgerlich, kompliziert, schwierig damit umzugehen, am liebsten würde man es gar nicht wissen wollen.

Nach #metoo mussten Unternehmen und Frauen erkennen, dass sexuelle Belästigung  meist kein Ausnahmefall ist. Sie passiert ständig, jedem und sie ist systematisch, besonders in männlich dominierten Kulturen, in denen ein übertriebener Konkurrenzkampf herrscht und wo schlechtes und respektloses Benehmen (vor allem von "Leistungsträgern") toleriert wird. Kurz gesagt, in Unternehmenskulturen, die von Angst geprägt sind und in denen ethische Probleme gerne unter den Teppich des organisatorischen Schweigens gekehrt werden. Genau jene Art von Unternehmenskultur, die ein gutes Compliance Management um jeden Preis vermeiden will!

Lassen Sie mich das genauer erklären:

Wenn Unternehmen eine starke Integritätskultur schaffen wollen, in der das Eintreten für ethische Herausforderungen sicher ist und sich lohnt, muss man für organisatorische Gerechtigkeit sorgen.

Nur wenn ich den Eindruck habe, dass mein Unternehmen fair mit seinen Mitarbeitenden umgeht, habe ich die psychologische Sicherheit, mich angstfrei zu sensiblen Themen zu äußern. Sexuelle Belästigung ist ein extrem unfaires Verhalten, das Frauen klein hält und ihnen ein Arbeitsumfeld vorenthält, in dem sie gleichberechtigt behandelt werden.

Ein Unternehmen, das sexuelle Belästigung toleriert oder nicht entschieden dagegen vorgeht, gefährdet diese Wahrnehmung von Fairness und Gerechtigkeit und drängt damit generell ethische Fragen in den Untergrund.

Wenn ein Unternehmen sich nicht konsequent darum kümmert, seine Mitarbeitenden vor Belästigungen zu schützen, verlieren alle anderen Massnahmen und Aussagen zu Ethik und Compliance massiv an Glaubwürdigkeit.

Wie sieht ein ganzheitlichen Präventionskonzept aus?

Sexuelle Belästigung ist ein weit verbreitetes und hartnäckiges Problem am Arbeitsplatz. Sie ist tief in den Machtstrukturen von Organisationen verwurzelt. Dennoch bleiben organisatorische Interventionen oft punktuell und unkoordiniert und werden auf Einzelfallebene behandelt. Dieser Ansatz ist nicht effektiv, denn wenn ein Problem systemisch ist, müssen wir es auf systemische Weise lösen. Wenn man etwas bewirken will, braucht man, wie bei jedem guten Ethik- und Compliance Management, ein Managementsystem.

Überraschenderweise sind die Dinge, die Sie benötigen, um ein wirksames Präventionsprogramm für sexuelle Belästigung zu entwerfen, bemerkenswert ähnlich und in hohem Maße kompatibel mit den Komponenten guter E&C-Programme.

Ein Konzept für einen solchen dreistufigen Präventionsrahmen stammt von einer der renommiertesten Forscherinnen zu Diskriminierung am Arbeitsplatz, Prof. Paula McDonald:

Primäre Präventionsstrategien

zielen auf die Vermeidung von sexueller Belästigung ab: Ursachen beseitigen, Risikofaktoren verhindern, Schutzfaktoren verstärken. Die wichtigsten Instrumente zur Umsetzung dieser Präventionsstrategien sind Verhaltensregeln und Training. Die entscheidende Grundlage aller primären Präventionsstrategien ist die Schaffung einer informellen Speak-up Kultur, die es ermöglicht, unangemessenes und respektloses Verhalten frühzeitig anzusprechen.

Direkte Interventionsprozesse

betreffen in der Regel Hinweisgebersysteme. Die Schaffung von Meldestrukturen für sexuelle Belästigung, die Männer und Frauen in einer Organisation für vertrauenswürdig halten, ist eine besondere Herausforderung. Frauen, die sexuelle Belästigung melden, erleben oft feindselige Reaktionen und einen Mangel an Vertraulichkeit und Objektivität.  Sie haben Angst ihrer Karriere zu schaden, und dass ihre Meldung keine Konsequenzen für den Belästiger hat. Darüber hinaus ist die Beweislage aufgrund der typischen "Sie-sagt-er-sagt-Situation" oft unklar. Folglich müssen Unternehmen ihre Berichtssysteme an diese besonderen Herausforderungen anpassen.

Langfristige Interventionen

Das letzte Element dieses umfassenden Konzepts fehlt oft in anderen Ansätzen, die nach der Lösung eines Falles enden. Bei diesem opferzentrierten Ansatz ist es entscheidend, die Auswirkungen für das Opfer zu minimieren, z. B. durch die Wiederherstellung von Gesundheit und Sicherheit und das Verhindern weiterer Belästigungen und Vergeltungsmaßnahmen (z. B. durch schlechtere Leistungsbewertungen und Beförderungsraten). Das Verhindern von Vergeltungsmaßnahmen erfordert ein langfristiges und proaktives Follow-up sowohl des «Opfers» als auch des «Täters». Und schließlich ist das ständige Monitoring der Risikofaktoren Teil dieser langfristigen Interventionen, die das gesamte Präventionssystem zu einem allgemeinen Prozess der Organisationsentwicklung machen sollte.

Wie alle Best-Practice E&C-Programme, zielt dieses Konzept auf eine nachhaltige, proaktive und langfristige Prävention ab, die zur Schaffung einer kooperativen Arbeitskultur und organisatorischer Gerechtigkeit beiträgt. Da sexuelle Belästigung ein so komplexes und sensibles Thema ist, betrachte ich es als einen Eckpfeiler des Ethik-Managements: Wenn Sie das gut managen, dann ist alles andere leichter!